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Leben ohne Stimme

Die Hausapotheke

Eins vorweg, sensorische Deprivation (Entzug sensorischer Reize) fand ich an sich schon länger spannend. Dabei dachte ich aber eher an so etwas was man mit einer Augenbinde und in einem Schlafzimmer macht. Nun erfahre ich derzeit jedoch, am eigenen Leib, eine andere Form sensorischer Deprivation, nämlich beinahe Stimmlosigkeit. Seit ein paar Tagen fehlt mir also sprichwörtlich die Sprache.

Wie kam es dazu? Es begann kurz vor Weihnachten mit einer ganz üblichen und ganz harmlosen Erkältung, kurz darauf gepaart mit Husten. Soweit überhaupt kein Thema, über Weihnachten bis inkl. Silvester hatte ich Urlaub und konnte mich auskurieren was ich soweit auch tat.

Irgendwann dann schätzungsweise um den 02. Januar rum begann es dann, dass ich ein wenig kratzen im Hals hatte und heiser war. Also Stimme schonen und viel Tee mit Honig, was am Anfang auch ganz gut half. Das es aber partout nicht besser werden wollte bin ich dann doch am fünften Januar zum Arzt gewackelt. Der meinte Stimmbandentzündung und verordnete Arbeitsverbot zur Stimmschonung. Der HNO Arzt meinte dann gleich Kehlkopfentzündung und verordnete Antibiotika, Hustenlöser und einen erneuten Besuch.

Ich dachte mir anfangs, naja ein paar Tage halt nichts reden, das ist kein Thema. So einfach sieht’s dann aber doch nicht aus. Ein paar kleine Anekdoten aus dem Leben ohne Stimme:

Restaurantbesuch
Als ich von zwei Freunden gefragt wurde ob mir öffentlichens Essen zuzumuten seih überlegt ich kurz und kam zu der Erkenntnis, dass dies ok wäre, weil es in Restaurants ja warm ist und ich zu Hause auch essen würde (Ich gehöre leider nicht zu dieser Sorte Mensch, welche wenn sie krank sind jeglichen Appetit verlieren). Dankenswerterweise hatten meine Freunde beschlossen Running Sushi zu wählen, da muss man ja nur Getränke bestellen und Jasmintee passt besser beim Sushi als Kamille zum Schnitzel.

Dann gingen aber die Gedanken los: Wie bestellen? Wie Trinkgeld geben?
Schriftlich lautete die Lösung. Also auf dem Smartphone gleich den Satz “Ein Jasmintee bitte” als Notiz vorbereitet. Zusätzlich hab ich dann Stift und Zettel eingepackt, da es sich auf Papier einfach besser schreiben lässt und man so zumindest rudimentär an der Unterhaltung am Tisch teilnehmen kann.

Fazit: Das klappte gut. Die Bedienung war ein wenig verdutzt, aber kapierte dann recht schnell und dank der Freunde kann man sich dann auch gegenüber anderen Menschen gut verständlich machen.

Einkaufen
Einkaufen ist an sich kein Problem, jedenfalls in Massengeschäften wie ALDI, etc. Problematischer wirds je kleiner und spezieller das Geschäft ist. Ich habe hier in der Nähe der Wohnung einen Obst- und Gemüsehändler: Nun hab ich mir gestern also meine Tasche geschnappt und bin die 150 Meter dahin gegangen. Netterweise haben sie dort Regale, so dass man alles was man will einfach aussuchen kann.

Aber dann geht’s an das Bezahlen. Man kommt in rein und kommt als erstes an der Kasse vorbei, wo man natürlich freundlich gegrüßt wird. Ich selbst kann aber nur nicken und freundlich kucken. Dann suche ich mir noch ein paar Sachen aus dem Kühlregal, welches innen steht und laufe zur Kasse und werde wieder gegrüßt. Meine Einkäufe werden gewogen und eingetippt, mir wird ein Preis genannt. Würde mir der Preis unrealistisch vorkommen, dann hätte ich an dieser Stelle schon ein Problem mich verständlich zu machen, auch wenn ich Stift und Zettel dabei habe. Da alles passt bezahle ich und packe meinen Lauch und Joghurt ein und werde freundlich verabschiedet, worauf ich natürlich wieder nicht antworte und wortlos von dannen ziehe.

Fazit: Einkaufen im Supermarkt ist eigentlich problemlos möglich. Beim Obst- und Gemüsehändler geht es noch, aber auch wenn sich der Mann anhand meines Schals und gelegentlichen Hustens etwas denken kann, so bin ich doch für den Außenstehenden erstmal unfreundlich und man wird teilweise blöd angeschaut. Bei Geschäften in denen man bestellen muss wie beispielsweise eine Metzgerei geht ohne Zettel nichts.

Sonstige Dinge wie beispielsweise meine Schuhe vom Schuster abzuholen habe ich bisher verschoben, denn auch wenn es nicht viel Mühe bedeutet kurz einen Satz wie “Ich kann derzeit wegen einer Entzündung nicht sprechen und möchte meine Schuhe abholen” aufzuschreiben, so ist es doch lästig. Selbiges gilt natürlich auch für Arztbesuche und alle anderen Gelegenheiten. Richtig lästig wird es aber erst bei spontanen Begegnungen, wenn Jemand an der Tür klingelt oder dergleichen. Dann muss man jedes bischen Konversation aufschreiben, was den Kommunikationsfluss doch stark bremst.

Ganz am Rande bemerkt darf man seblstverständlich nicht vergessen, dass jegliche Kommunikation mittels Telefon nicht möglich ist und meine Mutter nicht weiß wie man E-Mails schreibt. Arzttermine werden direkt vor Ort ausgemacht, ich habe immer einen Zettel einstecken und trinke fast vier Liter Kamillentee am Tag. Mein Glück, dass ich den Geschmack mag.

Kürzlich fragte mich eine Freundin ob ich es schlimm finden würde stumm zu sein. Ich kann darauf nur mit Ja antworten. Denn ich habe die große Hoffnung, dass nächste Woche alles wieder in Ordnung ist.

Das Eingangsbild zeigt übrigens meine aktuelle Hausapotheke.

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